An der Playa de Palma scheint die Sonne, immer noch. Hier, wo sehr viele Hotelbetten von Reiseveranstaltern wie Thomas Cook gebucht werden, ist von Krise auf den ersten Blick nichts zu sehen. Bei badewarmen 25 Grad herrscht jetzt, Mitte Oktober, entspannte Stimmung. Kinder planschen im Wasser, in den Cafés sitzen Pärchen, Eltern spazieren mit Kinderwägen. Sie genießen das milde Herbstlicht und die angenehmen Temperaturen.

Und wie sieht es hinter der Kulisse aus? An den Rezeptionen der Hotels hat man sich offenbar verständigt, auf Nachfragen mit einer fast gleichlautenden Floskel zu antworten: “Wir sind davon nicht betroffen. Fragen Sie doch mal nebenan.” Auch im Cook’s Club, einem Hotel, das Thomas Cook erst im Mai an der Playa de Palma eröffnet hat, möchte keiner der Offiziellen etwas sagen. Und die Angestellten am Grill und hinter der Rezeption wissen selbst nicht, was die Insolvenz für sie bedeuten wird. “Noch arbeiten wir”, sagt eine Kellnerin und wischt über den glänzenden Tresen. Viel zu tun hat sie nicht. Das Restaurant ist leer, am Pool liegen zwei Gäste.

Mallorca, den Eindruck gewinnt man schnell, will eines auf keinen Fall: mit geschäftsschädigenden Begriffen wie Krise oder Pleite in Verbindung gebracht werden. Nach der Insolvenz von Thomas Cook versucht die Insel, zum Tagesgeschäft der Nachsaison zurückzukehren. Doch unter der Oberfläche brodelt es. Für Thomas Cook waren die Balearen eines der wichtigsten Zielgebiete. 43 500 Urlauber hat der Konzern Ende September dort im Stich gelassen. Er hatte 27 Gesellschaften in Spanien, 14 davon auf Mallorca. Die Zentrale für Spanien stand am Stadtrand von Palma, Thomas Cook betrieb auf den Balearen 20 eigene Hotels, viele Gäste kamen mit den Thomas-Cook-Airlines. 2018 hatten sie zusammen mit Condor gut 1,2 von 16 Millionen Touristen auf die Inseln gebracht.

300 000 Touristen bleiben der Insel voraussichtlich bis Frühjahr fern, denn sie hatten mit Thomas Cook oder der Tochterfirma Neckermann ihren Urlaub gebucht. Mindestens 3400 direkte Arbeitsplätze fallen weg. Der Vorfall sei auf den Inseln “beispiellos”, sagte ein Mitglied der balearischen Regionalregierung. Nach dem ersten Schock wird jetzt debattiert, welche Lehre Mallorca daraus ziehen sollte. Könnte das Ereignis zu einem Wandel im Tourismusmodell führen? Weg von den Reiseveranstaltern, die derzeit mehr als 60 Prozent der Urlauber auf die Insel bringen, hin zu mehr Direktbuchungen? Oder könnte die Krise zu einer aktiven Reduzierung der Besucherzahlen führen, wie das Umweltschützer und Bürgerbewegungen fordern?

“Die Insolvenz sollte uns vor Augen führen, wie anfällig unser Wirtschaftsmodell ist”, sagt Margalida Ramis von der größten Naturschutzgruppe der Inseln, Gob. Auch in der Branche selbst gibt es erstmals selbstkritische Töne. Die Grande Dame des balearischen Tourismus, Carmen Riu, sagte im balearischen Fernsehen IB 3: “Wir sollten über eine Obergrenze nachdenken. Wenn zu viele Touristen kommen, leiden unsere Inseln. Wir schaden uns damit selbst.”

Riu ist Chefin des gleichnamigen, familiengeführten Konzerns. Sie profitiert von der Insolvenz, denn das Unternehmen ist seit den 1950er-Jahren am Touristikkonzern Tui beteiligt, dem großen Nutznießer der Pleite. Das Unternehmen rechnet im kommenden Jahr mit 500 000 zusätzlichen deutschen Gästen. Auf Mallorca will die Tui AG ihr Angebot massiv ausbauen. Der Konzern verspricht “sorgenfreies Buchen” für ehemalige Thomas-Cook-Kunden und lernt auf der Insel gerade ehemalige Angestellte von Thomas Cook an.

Im Hotelverband von Mallorca macht sich nach anfänglicher Verwirrung nun Ärger breit. Die Vorsitzende Maria Frontera kritisierte vor allem die Informationspolitik des Konzerns: “In der Früh kam die Nachricht von der Pleite, kurze Zeit später standen schon die ersten Gäste von Thomas Cook an den Rezeptionen.” Der Verband arbeitet nun mit zwei Anwaltskanzleien zusammen, die helfen sollen, das Buchungs- und Zahlungschaos zu klären. Joan Llull, Besitzer einer mallorquinischen Hotelkette, sagte der Lokalzeitung Ultima Hora, Thomas Cook sei bei ihm seit Juni in Zahlungsverzug gewesen. Es sollen sich 20 Millionen Euro Schulden angehäuft haben. “Wir waren zu dumm”, sagt Llull, “Thomas Cook hat uns alle betrogen.”

Nicht nur Hoteliers, auch Eventveranstalter, Radverleiher, Busunternehmer, Reinigungsfirmen, Importeure oder Großhändler von Speisen und Getränken haben unbezahlte Rechnungen. Bei einer Infoveranstaltung der Handelskammer in Palma kamen rund 70 betroffene Unternehmer zusammen. Die Geschädigten wollten wissen, was sie tun mussten, um an ihr Geld zu kommen. Am Ende bekamen sie zu hören: “Wahrscheinlich bleiben Sie auf Ihren Schulden sitzen.”

Die Regionalregierung der Balearen hat nun ein Rettungspaket geschnürt. Unter anderem hat sie drei Millionen Euro aus Steuermitteln bereitgestellt, um Unternehmern zinslose Darlehen zu gewähren. Angestellte, die jetzt ohne Einkommen dastehen, sollen vier Monate lang 500 Euro Überbrückungshilfe erhalten. Monique Lagrange, die aus Furcht vor Nachteilen nicht mit richtigem Namen genannt werden will, ist eine davon. Sie arbeitete bis vor Kurzem bei einer Agentur von Thomas Cook in Palma. Die Nachricht, dass ihr Arbeitgeber pleite ist, habe sie am 23. September morgens um fünf Uhr erhalten, erzählt die 63-Jährige. Gerüchte gab es schon länger, schließlich hatten Lagrange und ihre 760 Kollegen bereits ihr Gehalt für September nicht mehr bekommen. Sie habe jetzt schlaflose Nächte, sagt Lagrange. Aber sie kommt weiterhin jeden Tag zur Arbeit, das habe der Konkursverwalter empfohlen. “Wir wollen unser Septembergehalt und eine Abfindung.” 23 Jahre lang betreute die mehrsprachige Tourismuskauffrau Partnerunternehmen und Veranstalter. Seit fast einem Monat hat sie nun nichts mehr zu tun. Deshalb vertreibt sie sich die Zeit mit Kaffeetrinken und Kollegen-Plausch. Andere haben Karten mitgebracht oder spielen am Computer. Klingt schön, ist es aber nicht. “Die Nerven liegen bei uns blank.”

35 000 Passagiere sind wegen der Thomas-Cook-Pleite allein im Oktober weggeblieben. Die Slots, also die von den Fluggesellschaften beim Flughafen gekauften Start- und Landezeiten, müssten schnellstmöglich anderweitig vergeben werden, forderte der balearische Verkehrsminister Marc Pons. Mittelfristig will Pons neue Flugrouten etablieren, auch, um weniger vom deutschen und britischen Markt abhängig zu sein. Die Hälfte aller Mallorca-Urlauber stammt bislang aus Deutschland oder Großbritannien. Im Gespräch sind Direktverbindungen mit Tel Aviv, Marrakesch, New York, Istanbul und Doha. Die Balearen wollen auch mehr Geld für Werbung ausgeben. Vergünstigte Flughafensteuern gehören ebenfalls zum Rettungsplan.

Für die Sprecherin der Naturschutzgruppe Gob geht das alles in die falsche Richtung – und gegen den Trend der Zeit. “Die Regierung müsste jetzt den Weg aus der Abhängigkeit von der Monokultur Tourismus ebnen”, fordert Margalida Ramis. Sie solle neue Branchen fördern und endlich aktiv beginnen, die Gästezahlen zu minimieren. “Das ist die erste Krise und sicher nicht die letzte.” Ramis fragt sich, warum die Balearenregierung Thomas Cook nicht verklagt. Und warum sie beschließt, Langstreckenflüge zu bewerben, die Flughafensteuer zu senken und mehr Tourismuswerbung zu machen – wenige Tage, nachdem die Umweltabteilung der Balearenregierung den Klimanotstand ausgerufen hat. “Gesellschaftlich, wirtschaftlich und ökologisch ist das kompletter Unsinn”, sagt Margalida Ramis.

Wie es weitergeht? Zum ersten November machen viele Hotels saisonbedingt zu. Kellner, Verkäufer, Zimmermädchen freuen sich auf die kommenden Monate, in denen sie sich vom Stress des Sommers erholen können und vom Arbeitslosengeld leben werden. Wen man auch fragt: Die Hoffnung ist da, dass es danach wieder Arbeit gibt. Monica Julve, Rechtsberaterin des Hotelverbandes, hält das jedoch für illusorisch. Die Folgen seien jetzt noch nicht absehbar, sagt die Spezialistin für Handelsrecht, man könne mit einem Domino-Effekt rechnen. Offiziell hat Thomas Cook 150 Millionen Euro Schulden auf der Insel hinterlassen, doch Julve glaubt, dass der Betrag viel höher ist. Fünf Zulieferer stehen kurz vor der Insolvenz. “Und”, so fürchtet Monica Julve, “es werden noch mehr werden.”