laut.de-Kritik

Die Sonic Youth-Ikone in Industrial- und Noiserock-Trümmern.

Review von

Alles beginnt mit einem stoisch gestrichenen Cello. Kim Gordons unverwechselbarer Gesang taucht auf, mit rauchigem Nico-Timbre haucht sie knappe, prägnante Slogans. Binnen weniger Sekunden erodiert alle Zugänglichkeit in enervierenden Störgeräuschen. Lieblichkeit und Scherbenhaufen duellieren sich im Wechsel, bis die scheinbar ungerührte Stimme drei Minuten später alles niederwalzt. Willkommen zu “Sketch Artist” und “Air BnB“, den ersten beiden Tracks auf ihrem Solo-Debüt “No Home Record”.

Wo immer Kim Gordon auftaucht, ist sie die coolste Person im Raum.” Mit diesem Satz trifft Adam Horowitz von den Beastie Boys den Nagel auf den Kopf und haut gleichzeitig voll daneben. So unverrückbar und schmeichelhaft es wirkt, dass die Öffentlichkeit Gordon zur popkulturellen Queen of Cool erkor, so wenig deckt sich dies mit der realen Person.”Das ist nicht mehr als eine abstrakte Idee, die Leute auf mich projizieren“, so Gordon. “Ich denke darüber auch nicht groß nach, weil das nicht gut für die Gesundheit wäre.” In dieses Spannungsfeld wirft die ehemalige Mrs. Sonic Youth mit 66 Jahren ihren Erstling “No Home Record”. Sie versteht sich noch immer blendend auf gehobene Irritation.

Genau dieses stimulierende Verwirren zieht sich durch Gordons Leben wie durch ihr künstlerisches Werk und kulminiert in der vorliegenden Platte. Gegensätze gibt es zuhauf. Wer sie entdeckt, versteht die neun Lieder in Konzept und Zerfahrenheit. Einerseits steht kaum eine Musikerin sinnbildlich so sehr für New York City. Tatsächlich wuchs sie als California Girl in L.A. auf. Zum einen gilt sie als Mutter des Grunge, der Riot Grrrl-Bewegung und Inbegriff einer überdimensional selbstbestimmten Pionierin. Zum anderen schildert sie in ihrem Buch “Girl In A Band” recht ernüchternd, wie wenig glamourös das Leben an der Seite Thurston Moores verlief, wie sehr sich vieles eher als Zugeständnis denn Befreiung anfühlte.

Merkwürdig auch, dass Gordon solo zwar mehrere namhafte Bandprojekte ins Leben rief, eine ansehnliche Filmografie aufweist und viel beachtete Installationen verantwortete, aber mit einer Platte unter eigenem Namen erst in einem Alter erscheint, in dem andere sich längst in Rente befinden. Weit weniger seltsam mutet ihr Konzept an. Gewohnt tiefsinnig, reflektierend und analytisch ballert Gordon dem Hörer komplexe Beobachtungen um die Ohren, die sie in skizzenhafte Satzfetzen kleidet. Die Bilder schwimmen in einer endzeitlich kaputten Klanglandschaft, zusammengehalten lediglich von Trümmern aus Industrial, Noiserock und fiebrigen Elektrobeats.

Nichts Neues? Nur eine Fortführung ihrer No Wave-Anfänge vor beinahe 40 Jahren? Ja und nein! Hier schlägt keine Einfallslosigkeit zu Buche. Es ist keine lahme Fortführung, kein alter Wein in ebensolchen Schläuchen. Vielmehr handelt es sich um eine Rückkehr vom Omega zum Alpha in moderner Produktionstechnik. Kein Zufall! Immerhin ist es unsere humanistisch zersplitterte Gegenwart, die ähnlich apokalyptisch und bis ins Mark kommerzialisiert erscheint wie jene Periode zwischen Atomangst, Kriminalität und Yuppietum im Big Apple der frühen 80er.

So klar die Bilder wirken, als so doppelbödig erweist sich ihr Naturell. Das fängt schon mit dem Albumtitel an. Vordergründig eine Hommage an die tragisch verstorbene Filmemacherin Chantal Akerman, die einen gleichlautenden Streifen machte. Daneben ein Fingerzeig, dass echte Privatsphäre heutzutage virtuell wie real längst zur eskapistischen Illusion verkommen ist.

Als weiterer Dreh- und Angelpunkt widmet sich ihre Kulturkritik dem Umstand, dass Kommerz und Werbung sogar Philosophie und Spiritualität bis zur Neige aussaugen und umdeuten. “Es ist interessant, wie Begriffe aus dem Zen-Buddhismus oder Slogans wie “Be Here Now” zum Logo eines Geschäfts für Fruchtsäfte werden können. Das Beste, das ich entdeckt habe, war ein Plastikschild, auf dem es hieß: “Get Yr Life Back Yoga”. Es ist faszinierend, dass heute alles zum Markennamen werden kann.

Kein Wunder, dass der gleichnamige Track zunächst für ihre Verhältnisse recht behaglich anmutet, bis man feststellt, dass alles scheinbar sanfte Pulsieren so seelenlos klingt wie das unstete Flackern von Neonröhren eines Supermarktes. “Everyday, everyday, everyday I feel bad for you, I feel bad for me.

Obgleich ihr Blickwinkel naturgemäß die Aushöhlung von Gordons amerikanischen Umfelds spiegelt, bleibt das Symptom beängstigend universell. Die Diagnose gilt ebenso von Europa bis Tokio. In “Murdered Out” kämpft sie als aufbegehrende Berserkerin mit Drillbohrergitarre gegen die Entfremdung des Individuums von sich und den Mitmenschen. Von Lied zu Lied arbeitet sie Nuancen ihres Konzepts ab und entblättert die moderne Gesellschaft Schicht um Schicht. Das fies degenerierte, krank groovende “Don’t Play It” weist sie gar als Schwester der artverwandten Atari Teenage Riot aus.

Echte Rockmusik gibt es auch, allerdings nur als Momentaufnahme mit “Hungry Baby“. Der schicke Klopper klingt ein wenig, als habe Gordon in ihrem Labor die Stooges mit den Cramps gekreuzt und mit eigenem Brandzeichen versehen. Freunde der klassischen Sonic Youth werden wohl besonders diesen Track ins Herz schließen.

Doch der Höhepunkt ihrer Ausdruckskraft kommt subtiler daher. “Earthquake” ist eines dieser ganz großen, seltenen Stücke, die sich sogar von Gordons Konzept emanzipieren und ihre ganz und gar unabhängige Strahlkraft entwickeln. Atmosphärisch knüpft es dort an, wo “The Velvet Underground & Nico” womöglich weiter gemacht hätten, wären sie nicht zerstritten auseinandergegangen.

Gerade weil sie hier auf die sonstige Brachialität der anderen Lieder verzichtet und die demonstrative Direktheit einem zurückhaltenden Lamento weicht, wirbelt dieses stille Erdbeben die meiste Emotion auf. “This song is for you, if I could cry and shake for you“, deklamiert sie zur hintergründigen Dunkelheit ihrer Lou Reed-Gitarre. Egal ob in Bitternis oder Romantik: Man kann kaum eine berührendere Zeile im Rockkontext schreiben als “I got sand in my heart for you.

So kommt Kim Gordon mit “No Home Record” verdient auf jenem Level an, auf dem es nicht länger wichtig ist, ob man cool ist. Ähnlich wie die ältere, von derlei Attributen längst befreite Ikone Laurie Anderson verbindet sie Herz, Sinnlichkeit und Verstand zum großen Gesamtkunstwerk.