Noch ist nicht bekannt, woher die Opfer stammen – es sind vermutlich Flüchtlinge aus dem Nahen Osten oder Südasien. (Bild: Peter Nicholls / Reuters)

Noch ist nicht bekannt, woher die Opfer stammen – es sind vermutlich Flüchtlinge aus dem Nahen Osten oder Südasien. (Bild: Peter Nicholls / Reuters)

39 Tote im Lastwagen: Gerüchte über den Brexit treiben illegal Einreisende in die Arme skrupelloser Schlepperbanden

Rettungskräfte haben in der Nähe von London im Container eines abgestellten Lastwagens die Leichen von 39 Migranten gefunden. Es ist nicht der erste Fall dieser Art.

Markus M. Haefliger, London

Britische Sicherheitskräfte haben in der Nacht auf Mittwoch im Industriequartier von Grays dreissig Kilometer östlich von London die Leichen von 39 Personen entdeckt. Zeugen hatten kurz vor zwei Uhr die Rettungskräfte alarmiert. Die Polizei verhaftete den Fahrer, einen 25-jährigen Mann aus Nordirland. Laut ersten Ermittlungen war der Lastwagen in der Nacht auf Mittwoch im Land eingetroffen, auf welcher Route, ist aber unklar. Die Zugmaschine ist in Bulgarien registriert, war aber nach Angaben der bulgarischen Regierung seit 2007 nicht mehr im Land. Der Anhänger, in dem die Leichen lagen, soll über das belgische Zeebrugge nach Purfleet nahe Grays gekommen sein.

Tragisches Ende einer Odyssee

Es ist vorläufig nicht bekannt, woher die Opfer, unter ihnen ein Minderjähriger, stammen. Vermutlich handelt es sich um Flüchtlinge aus dem Nahen Osten oder Südasien. Iraner, Pakistaner und Iraker bilden laut dem Oxforder Migration Observatory, einer unabhängigen Beobachtungsstelle, die grössten Gruppen von Asylbewerbern in Grossbritannien. Weitere wichtige Herkunftsländer sind Bangladesh, Syrien, Afghanistan und Albanien. Innenministerin Priti Patel sprach im Unterhaus von einer schrecklichen Tragödie. Sie sprach den unbekannten Angehörigen der Opfer ihr Beileid aus. Flüchtlinge drängen häufig auf die britische Insel, weil sie hier über Familienangehörige oder weitere Verwandte verfügen.

Die Migrationsrouten aus dem Osten führen oft über den Balkan. Iraner, mit denen die NZZ Anfang Jahr in einem Lager für obdachlose Migranten in Calais sprach, erzählten von Odysseen über Serbien und Rumänien, bis sie in Frankreich angelangt waren. Sie planten, auf Booten über den Ärmelkanal zu fahren und Südengland zu erreichen. Ihr Schicksal hatten sie in die Hände iranischer und afghanischer Schlepperbanden gelegt, welche die Reise organisierten und ihnen an verschiedenen Stationen Unterschlupf gewährten, bis ein anderer Teil des Netzwerks die Weiterreise in die Hand nahm. Pro Person zogen die Schleuser von den Flüchtlingen oder ihren Familien bis zu 20 000 Euro ein.

Ähnlich muss man sich in der jüngsten Tragödie den Versuch, in Grossbritannien Asyl zu erhalten, vorstellen. Tony Smith, ein ehemaliger Chef des britischen Grenzschutzes, sprach am BBC-Radio von einem neuen Phänomen. Mit der Ausnahme eines einzelnen Mädchens aus Hongkong, das überlebt habe, hätten seines Wissens noch nie Flüchtlinge in einem versiegelten Container eingeschmuggelt werden sollen. Die Methode ist lebensgefährlich und verweist laut Smith auf einen hohen Organisationsgrad der kriminellen Schlepper. Der Container-Lastwagen sei auf der Reise vermutlich mehrmals in Verstecken untergebracht worden.

Flüchtlinge als blinde Passagiere in einem Lastwagenanhänger einreisen zu lassen, war lange die von Menschenschmugglern bevorzugte Methode. Im Zusammenhang mit dem Bericht aus Calais richtete die NZZ Anfang Jahr eine Anfrage gemäss Gesetz über die Informationsfreiheit an das britische Home Office. Laut der Antwort griffen die Ordnungskräfte 2018 bei 1050 Vorfällen in britischen Häfen und 7540 Vorfällen im Landesinnern irregulär Einreisende auf, die sich in Camions versteckt hatten. Erfolgreiche Asylbewerber sagen meistens aus, dass sie in kleinen Gruppen von zwei bis sechs Migranten heimlich eingereist sind – entsprechend höher liegt wohl die relevante Zahl. Pro Jahr verlangen laut dem Migration Observatory knapp 35 000 Migranten in Grossbritannien Asyl, weniger als ein Drittel der vergleichbaren Zahl für Frankreich.

Schlepper schüren Brexit-Furcht

Die Iraner in Calais und Flüchtlingshilfswerke sprechen übereinstimmend von Gerüchten, die von Schleppern gestreut würden, um die «Kunden» für immer riskantere Routen und Verfahren zu gewinnen. Dazu gehört die Behauptung, nach dem Brexit werde es schwieriger, nach Grossbritannien einzureisen. Anthony Steen von der Human Trafficking Foundation, einer Wohltätigkeitsorganisation, sagte am Mittwoch gegenüber dem BBC-Radio, er erwarte eine Zunahme des Menschenschmuggels in den nächsten Wochen. In Flüchtlingskreisen herrsche Verwirrung über den Brexit. Die Opfer seien vermutlich auch im jüngsten Fall von den Schleppern hereingelegt worden; verzweifelte Kriegsflüchtlinge hätten nur ein Ziel vor Augen und keine Ahnung, dass der britische Austritt aus der EU für Nichteuropäer folgenlos bleibe.

Dass Camionneure manchmal mit Schleppern unter einer Decke stecken, ist bekannt, aber selten nimmt ein Fall Dimensionen an wie beim grausamen Fund vom Mittwoch. Die Angelegenheit erinnert an eine ähnliche Begebenheit im Jahr 2000, als Grenzbeamte in Dover in einem Gemüse-Camion die Leichen von 58 Chinesen entdeckten. Die Ermittlungen im jüngsten Fall werden mit den Behörden anderer Staaten koordiniert; die Polizei erhofft sich aufgrund der für Container nötigen Kontrollen an den Häfen baldige Erkenntnisse.