«Du sollst dein Leben schreiben» – die norwegische Gegenwartsliteratur pendelt zwischen Ich-Sezierung und Welterkundung

In Dänemark wurde ernsthaft gefragt, ob sich Literatur eigentlich mit etwas anderem beschäftigen darf als mit der Klimakrise. In Schweden sehen manche die Literatur in der Pflicht, aus den Lesern bessere Menschen zu machen. Und in Norwegen? Da schreiben die Autoren mit Begeisterung über sich selbst.

Peter Urban-Halle

Im traditionsreichen Grand Café in Oslo erstreckt sich über die gesamte hintere Wand ein Freskogemälde, es zeigt das drangvolle Innere des Cafés am Ende des 19. Jahrhunderts. Bedeutende Bürger und Künstler des damaligen Kristiania sind darauf zu sehen. Edvard Munch sitzt mit dem stadtbekannten Provokateur Hans Jaeger an einem Tisch, links trippelt Henrik Ibsen durch die Tür, und der Maler des Bildes, Per Krohg, hat auch seine Eltern abgebildet, die ebenfalls beide Maler waren, den Vater Christian und die Mutter Oda Krohg, die «wahre Prinzessin der Bohème». Damals erlebten Kunst und Literatur in dem skandinavischen Land ihre erste Blütezeit. Der Maler Edvard Munch, die Schriftsteller Henrik Ibsen und Knut Hamsun: bis heute grosse Namen. Die Kristiania-Bohème (über die besagter Hans Jaeger einen Skandalroman schrieb, der schon 1902 ins Deutsche übersetzt wurde) spielte dabei die avantgardistische Rolle. 1889 gab sie sich neun Gebote, nach denen man zu leben hatte. Das allererste lautete: «Du sollst dein Leben schreiben.»

Ein Jahr später, zur gleichen Zeit wie sein eigentliches Debüt «Hunger», in dem er den inneren Monolog erfand, rechnete Knut Hamsun in dem Aufsatz «Vom unbewussten Seelenleben» mit dem Naturalismus ab und präsentierte seine Vorstellung der psychologischen Literatur: «Wie, wenn nun die Literatur sich überhaupt etwas mehr mit seelischen Zuständen als mit Verlobungen, Bällen, Landpartien und Unglücksfällen zu beschäftigen anfinge? […] Als Ersatz dafür würden wir etwas von den geheimen Bewegungen kennenlernen, die unbeachtet an verborgenen Stellen der Seele vor sich gehen, oder von unberechenbaren Anordnungen der Empfindungen […]»

Und als hätte er nun die geheimen Bewegungen kennengelernt und die verborgenen Stellen der Seele erforscht, fertigte Edvard Munch 1894 eine Kohlezeichnung an mit dem Titel «In uns sind Welten», eine Erkenntnis, die er später in eine Art Vermächtnis aufnahm. «I oss er verdener» heisst auch die bedeutende Ausstellung, die im Augenblick im Kunstmuseum Kode in Bergen gezeigt wird.

Subjektiv ist objektiv

Ohne die Kristiania-Bohème, ohne Munch und Hamsun ist die heutige Literatur in Norwegen nicht zu verstehen. Munchs «In uns sind Welten» könnte ihr Motto sein. Tomas Espedal, neben Karl Ove Knausgård und Jon Fosse wohl der bekannteste norwegische Autor zur Zeit, bestätigt: «Munch war ein wichtiger Inspirator. Warum? Weil er sich fast immer selber malte! Diese Selbstporträts. Aber das war ja nicht er, das waren ja wir! Je persönlicher und subjektiver man wird, desto allgemeiner und objektiver wird man auch!»

Karl Ove Knausgård hat sich das, wie wir alle erfahren mussten, besonders zu Herzen genommen. Mit nie gesehener Radikalität und Ausführlichkeit hat er das erste Gebot der alten Kristiania-Boheme befolgt: «Du sollst dein Leben schreiben.» Er hat das Ich – seine Erfahrungen und Erschütterungen, Empfindungen und Sehnsüchte – in den Mittelpunkt seines sechsbändigen autobiografischen Projekts «Mein Kampf» gestellt. Und nachdem er die Welten in sich durchreist hatte, war es auch nur folgerichtig, dass er eine Munch-Ausstellung mit teilweise unbekannten Bildern kuratierte (die gestern in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf eröffnet wurde) und über seine Erfahrungen mit dem norwegischen Maler ein Buch schrieb, das den Titel trägt: «So viel Sehnsucht auf so kleiner Fläche » (Luchterhand).

Der Schriftsteller Karl Ove Knausgård erklärt der Welt in einer Düsseldorfer Ausstellung seinen Munch. (Bild: Federico Gambarini / dpa / Keystone)

Der Schriftsteller Karl Ove Knausgård erklärt der Welt in einer Düsseldorfer Ausstellung seinen Munch. (Bild: Federico Gambarini / dpa / Keystone)

Die Auswirkungen von Knausgård und damit von Hamsun und Munch sind unübersehbar. Ich-Sezierung, Seelenerkundung, das Verhältnis zum Gegenüber, Paarbeziehungen, Familiendramen sind Hauptthemen des neuen norwegischen Romans. Souverän ignorieren die dortigen Autorinnen und Autoren die (umwelt-)politischen, sozialen und ethnischen Probleme, die Europa seit geraumer Zeit in Dauererregung versetzen. Sie beschäftigen sich mit sich selbst. Genauer gesagt: Sie beschäftigen sich mit dem, was im menschlichen Innern vor sich geht. Es geht um Gefühle, es geht um die Liebe und die Verortung des Ichs. Dafür bürgen Namen wie Tomas Espedal, Hanne Ørstavik, Merethe Lindstrøm, Geir Gulliksen, deren existenzielle Literatur von Sehnsucht und Skepsis zugleich erzählt.

Nach seinem Welt- und Heimatbuch «Bergeners» (Matthes & Seitz), das schön traurig von der verlorenen Liebe zu seiner Janne handelte und von der Einsicht, «dass er allein bleiben musste, um mit ihr zusammenzubleiben» – er nennt das «Einsamkeitskraft» – legt Espedal jetzt eine Art Langgedicht vor. «Das Jahr» (Matthes & Seitz) geht von Petrarcas unerfüllter Liebe zu Laura aus, um wieder von Janne zu erzählen, die ihm in «Bergeners» erklärt hatte: «Wenn wir nach Hause kommen, müssen wir uns trennen.» Im Grunde sind seine letzten Bücher ein einziger Roman, dessen einzelne Bände mit jeweils einer Gattung experimentieren, also mit Roman, Essay, Tagebuch und jetzt eben Gedicht. Wenn man also alle zusammenlegt, hat man einen Roman, in dem alle Gattungen vereint sind. In Norwegen hat sein Verlag das auch visuell verdeutlicht, indem die Bände das gleiche Design haben und sich nur farblich unterscheiden. Im Grunde wird hier (ähnlich wie bei Knausgård) die Trennung zwischen Roman, Philosophie, Kritik und Wissenschaft aufgehoben, ja sogar die Trennung zwischen den banalen Alltagsverrichtungen und den schöpferischen Geistestätigkeiten. Diese Art von Literatur ist offen und nie vollendet, vielleicht ist sie tatsächlich eine Art von «progressiver Universalpoesie».

Ein wenig anders geht das große Talent der jüngeren norwegischen Literatur, die 30-jährige Roskva Koritzinsky, die Sache an. Auch bei ihr Sehnsucht und Skepsis, auch bei ihr Reisen ins Innere, analytische Energie, aber nichts Autobiografisches. Die jungen Leute in ihrem Erzählungsband «Ich habe die Welt noch nicht gesehen» (Karl Rauch Verlag) streben nach Glück, nach Freiheit und Schönheit – aber nach der wahren Schönheit, die eher einem kalten Wind gleicht und nichts mit Eitelkeit zu tun hat, obwohl die Eitlen oft für schön gehalten werden. Die Katastrophen, ob innen oder außen, lauern immer und überall, Bagatellen können zu schicksalsschweren Situationen führen. Und der Zufall ist ambivalent, man fürchtet ihn, weil er das Leben auf den Kopf stellen kann, und man sehnt sich nach ihm – aus demselben Grund. Er ist verlockend und bedrohlich zugleich.

Nicht laut, aber deutlich

Im Gegensatz zum Titel ihres Buchs scheint die Autorin die Welt und das Leben und seine Geheimnisse also ganz gut zu kennen. Sie versteht die kleinen Zeichen, wann etwas beginnt und wann etwas endet. Sie weiss, dass man trotz aller Ehrlichkeit sein Rätsel behalten sollte, denn: «Wie viel gemeinsame Lust bleibt, nachdem man sein Leben dem andern völlig enthüllt hat?» Es sind Texte, die eine überraschende Wendung nehmen, aber plausibel enden, die nicht laut, aber deutlich formuliert sind, die das Einfache lieben, aber nicht die Plattitüde. Die eben «schön», aber nicht eitel sind.

Suche nach Glück, Freiheit, Schönheit: Roskva Koritzinsky. (Bild: Håkon Borg)

Suche nach Glück, Freiheit, Schönheit: Roskva Koritzinsky. (Bild: Håkon Borg)

Verlockend und bedrohlich auf besondere Weise ist der Zufall bei Geir Gulliksen. Der Mann ist nicht irgendwer. Er ist Chef von Oktober, des vielleicht interessantesten Verlags in Norwegen. Er hat Autoren wie Tore Renberg und Knausgård gefördert. Seine «Geschichte einer Ehe» (Luchterhand) ist seit dem Erscheinen 2015 Partygespräch. Alles, was man sich in einer Zweierbeziehung wünscht, vollkommene Vertrautheit, unbedingte Ehrlichkeit, schamlose Intimität, all das führt in Gulliksens Roman letztlich zum (Ehe-)Bruch.

Jon, Autor und Hausmann, und seine Frau Timmy, Ärztin im Gesundheitsamt, leben in allem eine vorbildliche und leidenschaftliche Ehe. Bis sie einen andern Mann kennenlernt. Jon nimmt die Herausforderung auf eine für ihn nur konsequente Weise an. Denn führen sie nicht eine Musterehe? Können sie sich nicht alles sagen? Also fragt er seine Frau nach ihren sexuellen Wünschen aus: Was soll der andere mit ihr anstellen? Bei Koritzinsky gibt es übrigens eine ganz ähnliche Szene wie bei Gulliksen: Man erzählt sich gegenseitig die teilweise schrägen sexuellen Erfahrungen mit anderen. Das scheint ein Gesellschaftsspiel in Norwegen zu sein. Bei Gulliksen ist die Sache klar, sein Jon tut das nur, um seine eigenen Phantasien zu befriedigen. Und er überspannt den Bogen: Er fordert den Seitensprung geradezu heraus und möchte am liebsten zugucken.

Ist Gulliksens gewagter Roman nur eine grosse Männerphantasie, voll Schwärmerei auf der einen und Larmoyanz auf der andern Seite? Aber macht ihn nicht gerade das zu einem Buch, das Debatten auslöst, einfach weil es etwas in uns in Bewegung setzt?

Vor einigen Jahren erschien von Gunnhild Øyehaug ein Roman mit dem sprechenden, leicht ironischen Untertitel «Ein perfektes Bild eines persönlichen Inneren». Merethe Lindstrøm liegt Ironie fern, ihr Bild eines persönlichen Inneren ist ziemlich deprimierend. «Aus den Winterarchiven» (Matthes & Seitz) erzählt die Geschichte einer Beziehung der Ich-Erzählerin – die mit der Autorin im großen Ganzen identisch ist – und dem manisch-depressiven Maler Mats, der Dinge sagt wie: «Das Leben ist eine Angewohnheit, die genauso schwer abzulegen ist wie das Rauchen.» Indem sie ihn verstehen will, versucht sie sich selbst zu verstehen.

Auch Lindstrøm gehört zu jenen Autoren, die mit erstaunlicher Souveränität und Radikalität ins menschliche Innere hinabsteigen. Das zu schreiben – und zu lesen – ist oft schwierig, weil es für das im Innern Verborgene keine exakte Sprache gibt. Dementsprechend ist auch der Text: kaleidoskopisch, mit teilweise ausufernden Sätzen, langsam, aber unbeirrt suchend. Es ist ein Roman über Sorge und Fürsorge, dessen Lektüre kein Spaziergang ist, sondern eine veritable Wanderung durch das Innenleben zweier aneinander gebundenen Menschen. Manche halten Lindstrøm für die beste aktuelle Autorin in Norwegen. Für ihren Roman «Tage in der Geschichte der Stille» (Matthes & Seitz) erhielt sie 2012 den Nordischen Literaturpreis. Es fängt an wie ein Krimi und entwickelt sich zu einem Psychodrama. Eva, die Lehrerin, und Simon, der Arzt, Eltern dreier Töchter, hatten ein erfülltes Leben, jetzt sind sie alt. Und Simon, schon 80, stellt allmählich das Sprechen ein. Ist es Demenz oder was? Beide haben ihr jeweiliges Geheimnis, über das sie immer geschwiegen haben. Eva lässt ihr Leben Revue passieren, aber Simons Leben scheint ein anderes gewesen zu sein, obwohl sie doch ein ganzes Leben miteinander verbracht haben…

Erforscher des «Dämmerungsdunkels»

Wahrscheinlich ist der radikalste Beobachter – nicht des eigenen Lebens, sondern des eigenen Ichs (das vielleicht nie ein Leben hatte), Tor Ulven, jener Erforscher des «Dämmerungsdunkels», der sich 1995 mit 41 Jahren das Leben nahm. Zuletzt erschien sein einziger Roman «Ablösung» (Droschl). In seinem typischen emotionslosen, berichtenden Ton stellt er uns verschiedene Figuren in verschiedenen Lebensaltern vor, darunter auch einen «Freund des Dunkels», die alle im Augenblick des Innehaltens sehnsüchtig an etwas denken, das aber unerreichbar ist.

Irgendwo in seinem Riesenwerk hatte Knausgård hingerissen ausgerufen: «Tor Ulven – das war das Grösste!» Ulven ist ein Autor für Autoren. Bei ihm herrschen das Albtraumhafte und Vergängliche vor, kein Licht nirgends, nicht einmal am Ende des Tunnels! Und doch ist die Lektüre faszinierend, vielleicht ist das die Anziehungskraft des Abgrunds. Ulvens Porträtfoto erinnert an das von Houellebecq, aber er wurde nie so berühmt, weil er nicht mit dem modernen Lifestyle abrechnet wie der Franzose, soziale Phänomene interessierten ihn nicht. Unnachgiebig und ausschliesslich erzählt er von den «Zumutungen der Existenz», er kann nicht anders.

In dem Band «Das allgemein Unmenschliche» (Droschl) ist eines von Ulvens seltenen Interviews abgedruckt, das über ihn selbst Auskunft gibt und ganz allgemein über das Vermögen von Literatur. Dass die Beschreibung des Schreckens und des Schocks nicht nur zur literarischen Tradition gehört, sondern mit Hilfe der Literatur auch eine Ästhetik erhält. Indem Leid und Schmerz im Kunstwerk eine «Ordnung im Chaos» erhielten, empfänden wir «eine Art Freude». Das erinnert auch an Hamsun, der in jenem Vermächtnis geschrieben hatte: «Der Tod ist die Liebes des Lebens, der Schmerz ist der Freund der Freude.»

Melancholie und Magnolie

Manche Autoren stehen auf der Schwelle zwischen Ich-Sezierung und Welterkundung, was vielleicht gar nicht so weit voneinander entfernt ist. In Svein Jarvolls Romans «Eine Australienreise» (Verlag Urs Engeler) reist der Norweger Mark Stoller von Valencia über Irland und Italien bis nach Australien. Im kürzeren zweiten Teil sind wir angekommen. Dort macht sich eine Emmi mit ihrer Freundin Alice auf, um ihren Vater im australischen Busch zu suchen. Bei Jarvoll wird exzessiv gesucht und gereist, und die Begegnung mit der fremden Welt führt auch zur Begegnung mit sich selbst. Sein Roman ist ein «durchdachtes Chaos» (ein Fast-Zitat), mit Einflüssen von Dante, Rabelais und Joyce, gespickt mit beinah amüsanten, wunderbaren Passagen. Ihr Lieblingswort «Melancholie» vergleicht Emmi mit dem Duft von Magnolienblüten in einem dunklen Zimmer, ehe man das Licht anmacht. Was für ein wunderbarer Vergleich! So schön, so dunkel, so sonderbar ist das ganze Buch.

Ausnahmen bestätigen die Regel. Der 73-jährige Gert Nygårdshaug beschäftigt sich sehr wohl mit umweltpolitischen Problemen. Sein Roman «Mengele Zoo» (Verlag Vida Verde) hat eine glasklare Botschaft und Schmökerqualitäten, manche Szenen erinnern an Victor Hugo oder Karl May. Aber schaut man ins Impressum seines Romans mit dem seltsamen Titel (der nichts mit dem NS-Arzt zu tun hat, sondern ein Ausdruck der Amazonas-Bevölkerung ist, wenn alles schiefgeht), entdeckt man, dass er zwar jetzt übersetzt, aber schon vor 30 Jahren geschrieben wurde. Und wir vor der skurrilen Tatsache stehen, dass das Buch heute – in Zeiten der Bolsonaros und Trumps – aktueller ist als damals! Es erzählt vom Indioknaben Mino im brasilianischen Regenwald, wo die Ausbeutung der Natur immer gnadenloser wird: Die Wälder werden gerodet, die Indianer hingemetzelt. Die Ermordung seiner Eltern lässt Mino zum Terroristen werden – und wir Leser stehen unwillkürlich auf seiner Seite. Denn kämpft er nicht für eine gute Sache? Die Frage könnte in unserer Zeit noch einmal sehr aktuell werden.

Die Reisen, ob ins eigene Innere oder in die Welt nach Australien, Brasilien – was sich im Grunde nicht so sehr unterscheidet – sind nicht nur der Versuch, die «Welten in uns» zu erforschen, sondern auch, die Welt an sich als Ganzes zu sehen. Auch Roskva Koritzinskys nicht autobiografische Seelenerkundungen stehen in dieser Tradition. Sie versucht der Einheit der Welt vor allem durch Vergleiche nahezukommen, die «Dinge verbinden, die offensichtlich nichts miteinander zu tun haben», sagte sie im Gespräch. Darin sieht sie die Kraft und die Schönheit der Poesie, «dass da etwas, das vom andern getrennt ist, im selben Universum existieren darf. Damit wird die Welt zu einem vereinten Ort».