Nach dem Zweiten Weltkrieg erblühte die katholische Marienfrömmigkeit in Norddeutschland. Aus Schlesien und Ostpreußen fanden zahlreiche Vertriebene in der Diözese Hildesheim eine neue Heimat. Bis heute werden noch vereinzelt schlesische Mai- und Rosenkranzandachten gefeiert. Manche der alten Lieder wirken vielleicht auf Katholiken unserer Zeit nostalgisch oder sentimental. In ihrer einfachen, schlichten, doch herzensguten Frömmigkeit könnten diese innigen Formen des Marienlobs dem einen oder der anderen fremd sein. Wer aber näher hinzutritt, genau hinhört, mag die verborgene Schönheit dieses Liedgutes für sich entdecken.

Im Rosenkranzmonat Oktober sind wir dazu eingeladen, mit Marias Augen auf Christus zu schauen. Besonders vertrauen wir unsere Lieben und uns selbst der Fürsprache, dem Schutz und der Obhut der Gottesmutter an. In einigen Familien ist ein Rosenkranz wie ein Vermächtnis. Er wandert von Generation zu Generation. So reißt auch gewissermaßen die Kette des Gebetes nicht ab. Der Rosenkranz, der in die Hand der Kinder und Enkelkinder gelegt wird, ist mehr als ein frommes Andenken an liebe Angehörige oder an die eigene Mutter und Großmutter. Vielen von uns ist vielleicht ein Rosenkranz auf diese Weise anvertraut und zu einem Begleiter geworden. So wird die Perlenschnur zu einem ganz besonderen Schatz. Wir beten füreinander, und wir bleiben auch im Gebet der Kirche verbunden mit jenen, die vor uns für immer nach Hause gegangen sind. Wir denken auch an unsere lieben Toten, wenn wir die altvertrauten Lieder singen. Vernehmen wir diese Melodien, so sind viele von uns zu Tränen gerührt. Wenn wir uns Maria zuwenden, so ehren wir die Mutter unseres Herrn, in der Hoffnung, dass sie auch uns in den Bedrängnissen unseres Lebens nahe sein und uns Christus zeigen möge. Die Worte und Weisungen der Gottesmutter sind so klar und eindeutig, wie bei der Hochzeit von Kana: „Was Er euch sagt, das tut.“

So beten und singen wir das Grüssauer Wallfahrtslied in dieser Meinung und von der Hoffnung auf die Vollendung in Christus geleitet. Wir grüßen die Gnadenreiche „aus dem Tale dieser Zeit“. Natürlich wissen wir, dass Maria – nicht anders als andere Heilige und sogar der Herr selbst – auch zu einer Projektionsfläche werden kann. Ich vertraue aber darauf, dass die Gottesmutter „in des Himmels Herrlichkeit“ erhaben bleibt über jede Vereinnahmung oder Instrumentalisierung. Von ihrem „stillen Heiligtum“ erzählt das schlesische Marienlied. Maria empört sich nicht, begehrt nicht auf und macht nicht viele Worte. Die Gottesmutter ist uns ein Vorbild in gläubiger Hingabe. Sie zeigt uns, dass wir unser ganzes Leben hindurch in die Demut immer mehr hineinwachsen können. Die Evangelisten berichten von ihrer frommen Ergebenheit, mit der sie sich in den Gottes Willen einfügt. Dem Engel der Verkündigung antwortet sie: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast.“ (Lk 1,38) Oft denke ich an die kostbare, mich stets berührende Skulptur des Erminoldmeisters im Regensburger Dom – eine schöne Maria, die in liebender Dankbarkeit und heiliger Scheu die Verkündigung des lachenden Erzengels Gabriel empfängt, wahrhaft ein steinernes, leuchtendes Evangelium, das der Betrachter anschauen und bestaunen darf. Es zeigt uns die lichtreiche Schönheit und Wahrheit des Glaubens. Wann immer ich im Dom St. Peter die Verkündigungsgruppe und besonders die Marienfigur betrachte, ist mir die letzte Strophe des schlesischen Marienlied gegenwärtig: „Laß uns nicht aus deinen Händen, / wenn das Leben von uns geht, / daß wir uns in Gott vollenden / wie ein ewiges Gebet.“

Wenn wir im Oktober den Rosenkranz beten, ob zu Hause, auf Reisen oder in der Kirche, so nimmt uns die Gottesmutter an die Hand. Sie zeigt uns Christus und führt uns zu ihm. Frohen Herzens und dankbar dürfen wir die Marienlieder singen, die uns ans Herz gewachsen sind. Vertrauen wir uns also ganz der Fürbitte Marias an, jetzt und in der Stunde unseres Todes.

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