Ginge es um den besten ersten Satz, stünde der Sieger des diesjährigen Buchpreises schon fest: „Wer keinen Bugatti hat, kann sich gar nicht vorstellen, wie angenehm Ivo gerade sitzt.“ Das setzt den Sound für das Kommende, es ist auch ein literarisches Programm. Ivo ist Fußballstar, ein moderner Gott. Der Fan darf ihm huldigen oder dem Fernseher beim verlorenen Endspiel die Theodizee-Frage entgegenbrüllen. Nah wird er ihm nicht kommen. Er sitzt auf dem Sofa, nicht im Bugatti. Deutlich wird das Gefälle, wenn sich Stars in Buchform an ihre Fans richten. Es sind eher papierne Marketingkampagnen, die den Nachruhm oder ein Ticket für Let’s Dance sichern sollen. Das Versprechen auf Authentizität als Opium fürs Volk.

Wie Fußballer ticken, kann nicht Sache eines Sachbuchs sein. Literatur wie Tonio Schachingers Debütroman ist nötig. Sein Protagonist spielt gar nicht in der englischen Premier League, seine Freundschaften zu David Alaba und Jérôme Boateng sind frei erfunden. Durch Schachingers Rollenprosa erfährt man aber mehr über das Leben eines Profifußballers als aus den meisten Biografien. „Fußball ist Kopfsache“, heißt es oft, also hinein in den Kopf!

Wie ist es also, in einem Bugatti zu sitzen? So angenehm auch wieder nicht. Straßenfußballer Ivo hat sich hochgekämpft, stand bei Real Madrid unter Vertrag. Nun ist er Star des FC Everton, verdient 100.000 Euro pro Woche. 26 Jahre zählt er, bestes Fußballalter, er kennt das Geschäft und gibt pikante Details preis. „Der Grund, warum alle Fußballer Callgirls pudern, ist ja nicht, weil sie Sex mit Nutten geiler finden als den mit normalen Frauen, sondern weil deren Arbeitsweise auf die kurzen Zeitintervalle ausgelegt ist, in denen die Fußballer Zeit haben.“ Manuel Neuer? „Momentan sicher der beste Torwart der Welt, aber wenn man ihm was anderes aufgetragen hätte, würde er es genauso gut machen; er wäre dann die beste Möwe, der beste Ellenbogen, der beste, schlimmste Deutsche.“ Der HSV? „Hamburg ist wie ein Kind von reichen Eltern, das nie etwas leisten musste und gelernt hat, die Schuld für alles bei anderen zu suchen.“ Letzte Frage: Was man braucht, um wirklich gut zu sein? „Entscheidend ist, dass man ein langweiliger Mensch ist.“ Messi sei das Paradebeispiel, „weil er von Haus aus nichts anderes im Kopf hat als Fußball, keine Freundschaften, keinen Style, keine Liebe, keine Musik, keinen Spaß“.

Hier liegt das Problem. Ivo ist Fußballer durch und durch, aber anders als der blasse Gott Messi ein Normalsterblicher. In der Ehe läuft es nicht mehr, die Karriere stagniert, dann verliebt er sich auch noch in eine Jugendfreundin. Seine Probleme könnten auch die eines pfälzischen Außendienstmitarbeiters sein. Nur, dass Ivo den Kontakt mit der Außenwelt nicht gut verträgt. Er wurde als Wiener bosnischer Herkunft aus den Käfigen direkt in abgeschottete Akademien weitergereicht. Was er öffentlich sagt, flüstert ihm ein „Kommunikationsdramaturg“ ein.

Schlussmachen wie Panenka

Lässt ihn die enge Taktung aus Trainingseinheiten und Reisen einmal frei, fährt er stundenlang durch die Gegend. Muss er aussteigen, weiß er nicht wohin mit sich. „Er wird mit Mirna Schluss machen wie Panenka. Sie wird im Tor stehen, ohne es zu wissen, und er wird auf sie zulaufen, genau wie er es geplant hat.“ So gedenkt er seine Affäre zu beenden, gibt dann aber nur den vertrottelten Macho und zertrümmert ihren Briefkasten. Der Titel steckt Ivos Dilemma ab. Sein Gemütszustand pendelt zwischen Wut auf alle anderen und Angst, allein zu sein. Vor dem Spiel kommen die Panikattacken: „Er merkt, wie ihm der Sauerstoff ausgeht und wundert sich nur deppert, dass er gerade nach Kärnten geflogen ist, für etwas, das gar keinen Sinn mehr hat, einen Teller auf dem Boden zerschlagen und seine Geliebte angeschrieben hat, und dann schließen sich seine Augen und er stirbt, ganz alleine mitten in der Welt.“

Schachinger hat im Umfeld des österreichischen Nationalteams recherchiert und Social-Media-Kanäle von Profis studiert. Der 27-Jährige bietet nicht nur einen seltenen Einblick in die Fußballbranche. Er lässt seinen Held im Laufe des Romans beständig weiter absteigen, schrumpft ihn auf Normalmaß, sodass er Modell stehen kann für das Individuum unserer Zeit, das am liebsten unter seinesgleichen bleibt, seine Wände mit eigenen Anschauungen tapeziert. Verlässt es seinen geschützten Raum, kennt es sich auf einmal nicht mehr aus und fliegt ohne gegnerische Einwirkung auf die Fresse.

Nicht wie ihr: Roman Tonio Schachinger Kremayr & Scheriau 2019, 304 S., 22,90 €